|
Learn
languages (via Skype): Rainer: + 36 20 334 79 74 or + 36 20 549 52 97
|
|
-----------------------------
|
|
Sie oder Sie und Er
Sie kaufte noch schnell Kaugummi, obwohl sie eigentlich nie
welche kaute. Ihre Freundinnen machten das, um den Zigarettengeruch zu
überdecken, oder wenn sie mit dem Rauchen aufhören wollten, sonst fand sie,
dass es wie wiederkäuende Kühe aussieht. Aber sie brauchte es jetzt, weil sie
sehr erregt war.
Schon seit Wochen hatten sie sich getroffen, doch heute sollte
sie sich erobern lassen. Oder wollte sie ihn für sich gewinnen? Das Ergebnis
ist eigentlich das Gleiche, die Probleme beginnen später: Wer bestimmt?
Wessen Wille wird erfüllt? Eine Beziehung ist keine demokratische
Einrichtung. Die Frage hier ist, wer den anderen mehr liebt, gefühlsmäßig
mehr abhängig ist, oder größere Angst hat, den anderen zu verlieren.
Sie war jetzt 27 Jahre alt, ein Teil ihrer Freundinnen und
Bekannten war schon verheiratet, eine sogar wieder geschieden, zum Glück hatte
es dort keine Kinder gegeben. Auch ihre Mutter hatte sie schon gefragt, wann
sie sich um ihre Enkel kümmern könne.
Aber war ihre Mutter wirklich glücklich oder wollte sie damit nur
die Probleme ihrer eigenen Ehe vergessen. Ihre Mutter hatte sehr jung geheiratet,
das erste Kind war sehr früh gekommen. Über Sex konnte man mit ihr nicht
sprechen, weil es tabu war. Sie hätte ihre Mutter gerne gefragt, warum sie
mit ihrem Mann nicht mehr in einem Bett schlief, oder wie es am Anfang
gewesen war, oder ob es überhaupt schön gewesen sei.
Während ihr diese Gedanken durch den Kopf schossen, kam sie dem
Treffpunkt immer näher, und auch wenn sie langsam ging, würde sie 5 Minuten
zu früh ankommen. Hatte sie nicht gelernt, dass man den Mann mindestens 10
Minuten warten lassen soll, Marilyn Monroe hatte gesagt: „Umso länger sie
warten, desto mehr klatschen sie.“ Oder sollte sie vielleicht die Beziehung
auf einer ganz neuen Grundlage aufbauen.
Ihr Vater war ein typischer Macho mit ungefähr genauso typischen
Komplexen. Der, den sie heute treffen sollte, war ganz anders, ruhiger, fast
ein bisschen feminin. Aber er verstand sie besser, als diese sehr männlichen
Typen, die mit Frauen kaum etwas anzufangen wissen.
Eine ihrer Freundinnen hatte sich gerade einen Süditaliener geangelt
und schwärmte: „Endlich ein richtiger Mann!“ Aber von außen sah die Sache
ganz anders aus, einfach ein Tyrann, der sie herumkommandierte, und das
berühmte Temperament war nichts anderes als Eifersucht. Ihre Freundin konnte
nicht einmal mehr mit Freundinnen ausgehen, und zum Aerobic-Training musste
sie in einen Club wechseln, zu dem nur Frauen gehen.
Am Arbeitsplatz gab es sehr witzige, oder vielleicht besser
seltsame Situationen. Es war ein großes Bürohaus, der Haupteingang
funktionierte automatisch, aber die kleineren Glastüren musste man ziehen und
drücken. Oft konnte man die Verwirrung der Männer sehen, wenn sie sich so
einer Tür näherten und auf der anderen Seite ihnen eine Frau entgegenkam.
Sollten sie jetzt der Frau freundlich die Tür öffnen, dann gab es zwei
mögliche Reaktionen: Entweder bedankte sie sich und dachte: „Jemand, der die
Frau in mir sieht.“ Oder sie sah ihn wütend an, weil er in ihr nicht den
Mitarbeiter sehen wollte. Oder er ging einfach durch, wobei zwei andere
mögliche Reaktionen auftraten: Sie sah ihn wütend an, weil er in ihr nicht
die Frau respektierte, oder sie gingen gleichgültig aneinander vorbei, weil
sie ja „nur“ Kollegen waren.
Die Emanzipation hatte nicht nur Gutes gebracht. Neuerungen
führen anfänglich auch immer zu einem Durcheinander, bis beide Teile sich an
die neuen Verhältnisse gewöhnt hatten. Manchmal war sie gerne einfach Frau
und manchmal lieber vollwertiger Partner.
Sie wohnte allein, seit sie sich von ihrem ersten Freund getrennt
hatte. Es gab keine Erwartungen, aber auch niemanden, der am Abend auf sie
wartete. Aber dieses Warten hatte meist daraus bestanden, wann das Abendessen
endlich auf dem Tisch kam, und im Haushalt hatte er auch nicht so viel
geholfen. Jetzt konnte sie kochen, wann sie es selbst wollte. Zur Wahrheit
gehörte allerdings, dass sie seit dieser Zeit nur noch selten kochte.
Als ihre Mutter erfuhr, dass die Beziehung zu Ende war, war sie
zuerst geschockt, sie meinte, dass ihre Tochter noch lernen müsse, wie man
mit einem Mann zusammenleben soll. Dann aber kam die Hasstirade gegen ihren
Exfreund: „Wie konnte er dich nur verlassen? Hat der denn kein Herz!“ Ihre
Mutter wusste nicht, dass es eigentlich die Entscheidung ihrer Tochter
gewesen war, das Zusammenleben zu beenden.
Obwohl ihre Mutter in ihrer Ehe überhaupt nicht glücklich war,
konnte sie sich nicht vorstellen, ihren Mann und damit ihr Unglück zu
verlassen. Das war für sie das normale Schicksal der Frau, lieber unglücklich
zusammen, als unglücklich allein, eine andere Möglichkeit gab es nicht.
Jetzt hörte sie eine Stimme von außen, er hatte sie angesprochen,
sie war angekommen.
|
|
-----------------------------
|
|
-------------------------
|
|
----------------------------
|
|
-------------------------------
|
Sie oder Sie und Er
Samstag, 11. April 2015
Abonnieren
Kommentare (Atom)